Big Apple

Wenn man sich New York City im sectional ansieht, findet man in einem Umkreis von 12 NM um die Südspitze Manhattans herum 4 internationale Flughäfen (John F. Kennedy, Newark, La Guardia) und den kleineren und ältesten New Yorker Flughafen Teterboro. Der das alles umfassende Luftraum B hat eine maximale Ausdehnung von ca. 60 NM. Man sollte daher meinen, dass ein VFR-Flug über Manhattan kaum realisierbar ist. Weit gefehlt: obwohl umgeben von Lufträumen mit einer der höchsten Verkehrsdichte weltweit, existiert über dem Hudson River ein unkontrollierter Luftraumkorridor. Für diese Hudson River exclusion genannte special flight rules area hat die FAA im Wesentlichen drei einfache Regeln festgelegt: 1) alle Durchflüge finden zwischen 1000 und 1300 ft statt, 2) Flüge nach Norden bleiben über dem Ostufer und Richtung Süden über dem Westufer, 3) jeder macht self announcements an den veröffentlichten Pflichtmeldepunkten (auf einer CTAF Frequenz).

Wir wählten einen sonnigen Freitag im März für den Hudson River Überflug, um nicht am Wochenende auf zu viele Gleichgesinnte zu treffen. Nach dem Abflug in Lufker folgten wir zunächst dem endlosen Strand von Fire Island, einer schmalen und 25 NM langen, Long Island vorgelagerten Barriereinsel. Ungefähr auf halbem Weg nach NYC endet Fire Island und es schließt sich Jones Beach Island an, eine weitere Barriereinsel. Zugleich beginnt hier in 1500 Fuß der Luftraum B von JFK dessen Untergrenze 12 NM weiter auf 500 Fuß absinkt. Ich kontaktierte den Kennedy Tower für ein aktuelles altimeter setting (= QNH) und um die Freigabe für einen Durchflug in 1000 Fuß zu bekommen. Da wir letztere jedoch nicht erhielten, unterflogen wir den Luftraum B in 400 Fuß Höhe, weiterhin schön am Strand entlang (inzwischen Long Beach) – und damit zu jedem Zeitpunkt direkt über einem potenziellen Notlandefeld. Die Küstenlinie von Long Beach, der wir ja folgten, bildet gleichzeitig die südliche Begrenzung des bis zum Boden reichenden Luftraums B von JFK, dem man sich so bis auf 3 NM nähern kann. Was für ein Anblick: links der Atlantik, rechts Long Beach, nur wenige Hundert Fuß über uns der im Minutentakt landende Verkehr für JFK und vor uns längst deutlich sichtbar die Skyline von Manhattan!

Südlich von Brooklyn hebt sich die Untergrenze des Luftraums B wieder an und so erreichten wir noch über Coney Island die für die Durchquerung der Hudson River Exclusion geplante Zielhöhe von 1100 ft. Kurz danach erreichten wir die Hängebrücke zwischen Brooklyn und Staten Island, bekannt als Verrazano-Narrows Bridge. Diese markiert die südliche Begrenzung der Hudson River Exclusion und ist der erste Pflichtmeldepunkt, zu melden als „VZ“. Die Kurzform ist zu verwenden, um die Funksprüche kurz zu halten und der Grund wird einem sofort klar: die zahlreichen Rundflug-Hubschrauber unter einem (ich hatte 6 gezählt, am Wochenende können es mehr sein) senden alle auf derselben Frequenz, das Funkgerät schweigt also nur selten.

 

  • New York City und Manhattan - die Meldepunkte für den Korridordurchflug sind rot markiert
    New York City und Manhattan - die Meldepunkte für den Korridordurchflug sind rot markiert

Übrigens hat die FAA eine verkürzte Form der self announcements für die Hudson River Exclusion veröffentlicht: „Cessna, VZ, 1100 feet, northbound“ war der Spruch, den wir über der Brücke abzusetzen hatten. Nach dem Überflug der Brücke erwartet einen dann der ungestörte Blick auf die Upper New York Bay, mit allem was sie  beinhaltet: dem Schiffsverkehr von und nach New York City, der Südspitze Manhattans und natürlich der Freiheitsstatue. Da letztere der nächste Pflichtmeldepunkt ist („Statue“, im Funk hört man hin und wieder aber auch „Lady“) sollte man vor lauter Staunen seine Positionsangabe dort nicht vergessen – ebensowenig wie die Luftraumbeobachtung, denn es herrscht ein stetes Kommen und Gehen von Hubschraubern, welche die Freiheitsstatue anfliegen um sie in niedrigerer Höhe zu umkreisen. Sobald man kurz danach die Südspitze Manhattans erreicht hat, fällt es nicht schwer, den nächsten Pflichtmeldepunkt zu vergessen: die Colgate Uhr („Clock“). Diese ist mit 15 m Durchmesser zwar eine der größten Uhren der Welt, man passiert aber zur gleichen Zeit das neu erbaute World Trade Center One und begegnet diesem 1700-Fuß-Wolkenkratzer dank max. 1300 ft Flughöhe sozusagen auf Augenhöhe. Einige Minuten weiter nördlich folgt dann der zum Museum umgebaute  Flugzeugträger, der nicht nur der nächste Pflichtmeldepunkt („Intrepid“) sondern auf jeden Fall auch einen Besuch wert ist (nicht nur wegen der Concorde, die auf dem Flugdeck parkt). Es folgen dann zunächst der Central Park, dessen Ausmaße aus der Luft einfach am besten zu erkennen sind, das flach bebaute Upper Manhattan und mit der George Washington Bridge der vorletzte Pflichtmeldepunkt („GWB“). Nach dieser konzentrierten Ladung Sehenswürdigkeiten wirken die weiteren Flugminuten zwar unspektakulär, dies hilft aber sehr dabei, sich für den Weiterflug wieder etwas zu sortieren. Die Hudson River exclusion endet nämlich am letzten Pflichtmeldepunkt, dem  Armstrong Tower („Alpine Tower“), einem historischen und unverwechselbaren Sendemast. Nach dem Ausflug befindet man sich bis 3000 Fuß im unkontrollierten Luftraum, darüber ist immer noch Luftraum B und zum Durchatmen eignet sich der nur 10 NM entfernte und mit Luftraum C versehene Westchester County Airport (KHPN). Dieser hat übrigens eine großartige und kostenlose Pilotenlounge - dazu nach der Landung die taxi clearance zum „Million Air Terminal“ erbitten.

Den Flug durch die Hudson River exclusion kann man natürlich in umgekehrter, also südlicher Richtung machen (dann über dem westlichen Ufer). Dafür gibt es sogar zwei gute Gründe: Erstens kann der Co-Pilot großartige Photos vom Piloten machen  - Manhattan und die Freiheitsstatue sind nun auf der linken Seite – und zweitens kann man vom Norden kommend die Freiheitsstatue umkreisen. Dies erfolgt im Gegenuhrzeigersinn und dazu darf man nicht nur sondern muss sogar noch etwas tiefer fliegen: ab 1000 Fuß finden ja die Durchflüge statt. Zu tief sollte man aber auch nicht kommen, denn in ca. 500 Fuß verrichten die Hubschrauberpiloten ihren Job.

Ich habe diesen Flug insgesamt 4 Mal durchgeführt (1x C150, 2x C152, 1x C172) und war beim ersten Mal von der schieren Vorstellung, mich im Luftraum über Manhattan zu bewegen, natürlich etwas eingeschüchtert – nicht zuletzt auch deswegen, weil nur einer der mir bekannten Piloten vor Ort die Erfahrung selbst gemacht hatte. Dank eines schönen online-Trainings auf www.faasafety.gov fühlte ich mich jedoch gut vorbereitet und natürlich ist es sehr hilfreich, keine Angst vor einem JFK-Tower zu haben. Wichtig ist auch, vor dem Flug zu prüfen, dass für die Gegend keine Flugbeschränkungen (temporary flight restrictions, TFR) aktiv sind, was gar nicht so selten der Fall ist. Dafür reicht ein Besuch von tfr.faa.gov oder ein telephone briefing übrigens nicht aus: So bizarr es klingt, es ist die Verantwortung des Piloten, sich zu vergewissern, dass im Yankee-Stadium kein Major-League Baseball-Spiel stattfindet. Der dadurch automatisch in Kraft tretende TFR (3 NM Radius, 1 h vor Beginn bis 1 h nach Ende des Spiels) macht einen Durchflug durch die Hudson River exclusion unmöglich, wird von der FAA aber nicht veröffentlicht (Stand: 08/2014). Hier hilft wirklich nur ein Blick in den aktuellen Spielplan.